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Wir lassen unsere Kinder im Netz allein

Sunday, December 04, 2016

Verbote und Jugendschutz-Filter waren gestern. Heute haben die Kids freien Zugang zu Pornos im Internet. Jugendpsychologen setzen nun auf Medienkompetenz.

 

Etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren leben in der Schweiz. Fast alle Jugendlichen haben ein eigenes Handy, fast alle ein Smartphone, hat das nationale Programm «Jugend und Medien» festgestellt. Unsere Kids tragen das Internet immer bei sich – weit weg von den Eltern. Vor den Smartphones konnten Eltern den Internetzugang ihrer Kinder auf dem Heimcomputer noch mit Kinderschutz-Filter steuern – heute ist das chancenlos. Wir lassen unsere Kinder im Internet allein.

Pornos sind überall

Alle Halbwüchsigen haben jemanden im Freundeskreis, der auf dem Pausenplatz jeden Kinderschutz-Filter knackt. Kids nutzen das Web intensiv. Das zeigt die repräsentative «James-Studie 2012» zur Mediennutzung von Jugendlichen. Dabei stossen sie Türen auf, die für sie gesetzlich verboten wären. Eine Befragung der Fachstelle für Sexualpädagogik «Lust und Frust» in Zürich hat ergeben: Pornos sind bei 13- bis 16-Jährigen ein flächendeckendes Phänomen.

«Früher war das BLICK-Girl das Maximum an Nacktheit und Freizügigkeit, was junge Menschen vielleicht zu Gesicht bekamen. Heute haben die Jugendlichen freien Zugang zu härtester Pornografie. Sex ist ein Dauerthema, es kursiert viel Halbwissen, und die Jugendlichen stehen gegenüber ihren Kollegen auch unter einem gewissen Erfahrungsdruck», sagt die Rechtspsychologin Monika Egli-Alge in der «Optimus Studie Schweiz». Diese entstand 2012 mit über 6700 Schülern.

Ahnungslose Eltern

Die «James-Studie 2012» bestätigt Egli-Alges Befund: Jeder Zehnte gab an, schon einmal einen Pornofilm aufs Handy erhalten zu haben. Bei einer halben Million Heranwachsender mit Smartphones ergibt das 50 000 versendete Pornos. Drei Prozent der Befragten sagten, schon einmal selber solche Filme verschickt zu haben. Macht 15 000 Filme. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein – welcher Teenager gibt solche Dinge schon gerne zu?

Sind die Zahlen auch mit Vorsicht zu geniessen, wird doch klar: Pornografie, Smartphone und Kinder sind ein neues und zu wenig beachtetes Thema. Es betrifft Hunderttausende. Keine frühere Genera­tion hatte so leichten Zugang zu Pornografie. Das bestätigt die repräsentative Befragung «EU Kids Online: Schweiz»:

21 Prozent der befragten Kinder zwischen 9 und 16 Jahren haben schon sexuelle Darstellungen im Netz gesehen. Rund 40 Prozent der Eltern dieser Kinder wissen nichts davon.

Digitales ABC lernen

Was sagen die Spezialisten? Laurent Sedano von der Stiftung Pro Juventute: «Bei unseren Besuchen von Schulklassen ist Internet-Pornografie ein wiederkehrendes und sehr wichtiges Thema.» Dass das Anschauen erlaubt, das Weitersenden von Sexbildern und Pornofilmen an Gleichaltrige unter 16 Jahren aber verboten ist, wissen die meisten Teenager nicht. Deshalb konzentriert sich die Pro Juventute mit Kursen auf die Vermittlung von Medienkompetenz, auf die digitale Alphabetisierung. «Wir alle sind gefordert: Eltern, Pädagogen, Schule und Kinder. Auch die Politik müsste in die Pflicht genommen werden.»

Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention bestätigt: «Es handelt sich um ein Massenphänomen. Jugendschutz auf dem Netz ist faktisch inexistent. Artikel 197, Ziffer 1 des Strafgesetzbuches, der Kinder unter 16 Jahren vor Pornografie schützen soll, wird durch die schnelle technologische Entwicklung ausgehebelt.»

Gefährliche Werbung

Billaud beschreibt, wie Kinder ohne Absicht mit Pornos konfrontiert werden: «Wollen sie eine neue, bei uns noch nicht erschienene TV-Serie anschauen – was nicht illegal ist –, so erscheint beim Aufruf der Webseite Werbung für unzählige Pornoseiten. Diese müssen die Kinder erst einmal wegklicken, bis sie endlich anschauen können, was sie suchen.»

Verbieten bringts nicht

Noch weiter geht der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. «Früher bestand für die Kindheit ein eigener Lebensraum. Diesen schützten wir Erwachsene mit Einschränkungen und Verboten.» Das sei heute vorbei, sagt Guggenbühl. «Heute sind Kinder der Welt als Ganzem ausgesetzt. Dies verlangt nach neuen Strategien: Sensibilisierung und Kompetenzvermittlung. Verschweigen, schützen oder verbieten funktionieren nicht mehr.»